* 47 *

47. Septimus’ Queste
Questenstein

Durch die dicke lila Tür hörte Septimus nichts von Jennas Geschrei und Getrommel. Wütend befahl er der Tür, sich zu entriegeln.

Das Mädchen lachte. »Die Mühe kannst du dir sparen, Septimus Heap. Es stimmt zwar, dass die Tür ein Zwilling ist, aber auch zwischen Zwillingen gibt es ein paar Unterschiede.« Sie musterte ihn mit abschätziger und enttäuschter Miene. »Ich habe sehr lange darauf gewartet, dass ein Questor kommt. Ich hatte gehofft, dass jemand kommt, der ... der reifer ist... und mit dem man seine Tage verbringen kann. Kannst du Karten spielen?«

»Karten?«

»Ich könnte dir ein paar Spiele beibringen. Aber Schnippschnapp kannst du doch, oder?«

» Schnippschnapp ?«

Das Mädchen seufzte. »Wohl eher nicht«, sagte sie.

Septimus schwieg. Das Mädchen erinnerte ihn an Lucy Gringe – nur dass sie ihm noch viel mehr auf die Nerven ging. Er gab die Hoffnung auf ein vernünftiges Gespräch auf und wandte seine Aufmerksamkeit der neuen Umgebung zu. Er befand sich in einem großen, achteckigen Raum. Über ihm wölbte sich eine schöne Glaskuppel, durch die er den dunklen Abendhimmel sehen konnte, den gerade die letzten rötlichen Streifen des Sonnenuntergangs überzogen. Vermutlich war er im obersten Geschoss des Foryxhauses. Unter den wachsamen Augen des Mädchens wanderte er durch den Raum. Er war wirklich riesig, und die Einrichtung – die Teppiche, die Lapislazulikommoden, die prächtigen Wandbehänge – erinnerten ihn an Marcias Gemächer. Aber das allein, so sagte er sich, konnte nicht erklären, dass ihm alles so merkwürdig vertraut vorkam. Da war noch etwas anderes ... etwas Wichtigeres ... der Geruch von Magie.

»Wo sind wir hier?«, fragte Septimus das mürrische Mädchen.

»Im Foryxhaus«, lautete die Antwort.

»Das weiß ich«, erwiderte Septimus und bemühte sich, seine Ungeduld zu verbergen. »Ich meine diesen Raum. Was ist das für ein Raum?«

»Das wirst du noch früh genug erfahren.«

Septimus seufzte. Er versuchte es mit einer letzten Frage. »Und wer bist du?«

Zu seiner Überraschung gab das Mädchen tatsächlich eine echte Antwort. »Ich bin Talmar«, sagte sie.

Talmar. Der Name kam ihm bekannt vor. Er versuchte sich zu erinnern, woher – und dann fiel es ihm ein. Plötzlich wurde ihm ganz seltsam zumute. »Doch nicht etwa ... Talmar Ray Bell?«, fragte er.

Ein Ausdruck des Erstaunens legte sich auf das Gesicht des Mädchens. »Woher weißt du das?«, fragte sie.

Septimus grinste, zufrieden mit dem Eindruck, den seine Frage gemacht hatte.

Irgendwo in der Ferne war der silberhelle Ton eines Glöckchens zu vernehmen. Talmar setzte wieder ihre überlegene Miene auf und verkündete: »Mein Meister ist bereit. Folge mir, Septimus Heap.«

Mit dem Untergang der Sonne hatte sich die Glaskuppel verdunkelt, und als Septimus Talmar nun durch den Raum folgte, flammte eine Kerze nach der anderen auf und leuchtete ihnen den Weg. Am anderen Ende des Raums zog Talmar ein paar schwere Vorhänge beiseite, und dahinter, vor einem Kamin, saß eine Gestalt in einem flachen, bequemen Sessel, der dem nicht unähnlich war, der in Marcias Gemächern am Kamin stand – und in den sich kein anderer außer ihr setzen durfte.

Talmar winkte Septimus herein. Er trat durch den Spalt zwischen den Vorhängen, und die Gestalt – ein gebrechlicher alter Mann mit langen weißen Locken, die das Stirnband eines Außergewöhnlichen Zauberers zusammenhielt – schaute auf. Das Kerzenlicht fiel in seine leuchtend grünen Augen und setzte sie beinahe in Flammen.

»Das ist unser Questor, Septimus Heap«, stellte Talmar vor.

»Willkommen, Questor«, sagte der alte Mann lächelnd und erhob sich mühsam. Talmar lief zu ihm, um ihm zu helfen, und als er, etwas gebeugt und wacklig, endlich auf seinen Füßen stand, bemerkte Septimus, dass er eine Robe trug, wie sie Außergewöhnliche Zauberer in uralter Zeit getragen hatten, als sie noch mit goldenen Hieroglyphen bestickt wurden. Auf Talmars Arm gestützt, kam der alte Mann langsam auf ihn zu.

»Vom Alten zum Neuen«, murmelte er in einem Akzent, den Septimus noch nie gehört hatte. »Sei mir gegrüßt.«

»Guten Tag«, erwiderte Septimus und ergriff die dürre, knochige Hand.

Der alte Mann senkte den Blick auf die Rechte des Lehrlings. Septimus folgte seinem Blick und sah, dass der Drachenring an seinem Zeigefinger heller leuchtete als jemals zuvor – wie eine kleine Lampe. »Du hast meinen Ring«, murmelte der ehemalige Außergewöhnliche Zauberer.

»Ihren Ring?«, fragte Septimus. »Aber ich dachte, er hätte nie einem anderen gehört als ... oh ... ach so ... natürlich!«

»Aha. Du weißt also, wer ich bin?«, fragte der alte Mann.

Septimus nickte. Jetzt verstand er. »Sie sind Hotep-Ra«, sagte er.

Als die Sterne durch die Glaskuppel schimmerten und der Vollmond über den Himmel wanderte, saßen Septimus, Talmar Ray Bell und Hotep-Ra an einem langen, niedrigen Tisch, den Talmar vor den Kamin gestellt hatte und auf dem allerlei köstliche Speisen erschienen waren. Talmar goss Pfefferminztee in drei kleine farbige Gläser.

Hotep-Ra erhob sein Glas und sagte: »Trinken wir auf das Ende unserer Queste.« Er leerte das Glas in einem Zug. Septimus und Talmar folgten seinem Beispiel.

»Jetzt bleibt dir nur noch eins zu tun, bevor deine Queste vorbei ist.«

»Ach?« Septimus befürchtete das Schlimmste.

»Du musst mir den Questenstein geben.«

Septimus lächelte – es gab nichts, was er lieber täte. Er zog den glutroten Stein aus der Tasche.

Froh, ihn loszuwerden, legte er ihn in Hotep-Ras ausgestreckte Hand. Darauf bedeckte der Zauberer den Stein mit der anderen Hand, und Septimus sah, wie das helle Licht durch sie hindurch schien, sodass sich die Knochen unter der Haut als dunkelrote Schatten abzeichneten. Und dann erlosch das Licht, und Hotep-Ras Hand wurde wieder undurchsichtig. Er lüftete sie, und der Questenstein war tintenschwarz. »Du hast die Queste vollendet.« Hotep-Ra lächelte Septimus an. »Und nun zu dem Grund, warum ich dich den weiten Weg hierhergeführt habe: Komm, setz dich zu mir und erzähle mir alles, was sich in meiner Abwesenheit in der Burg zugetragen hat.«

»Alles?«, fragte Septimus. Woher sollte er das wissen?

»Als Lehrling wirst du solche Dinge doch wissen. Aber bevor du anfängst, werde ich mein Zeichen auf die Rückseite des Steins machen und ihn dir zurückgeben, als Andenken an deine Reise.«

Septimus war sich nicht sicher, ob er wirklich ein Andenken an diese Reise wollte, aber er sagte nichts. Hotep-Ra drehte den Stein um, und sein Gesicht verfinsterte sich.

»Was ist, Meister?«, fragte Talmar.

»Das verstehe ich nicht«, murmelte Hotep-Ra. »Ich habe alle Steine mit einem Geheimzeichen nummeriert. Wird ein Stein gezogen, wird die Zahl von selbst sichtbar. Dieser hier trägt die Nummer einundzwanzig. Er ist der letzte Stein.«

»Dachte ich mir doch gleich, dass da etwas nicht stimmt«, sagte Talmar und funkelte Septimus an. »Er ist viel zu jung. Er hat ja noch nicht einmal seine Lehre beendet.«

»Nicht?«, fragte der Zauberer verwirrt. »Aber der Stein ist eine Auszeichnung, die erst am letzten Tag einer Lehrzeit verliehen wird.«

»Genau. Er muss den Stein gestohlen haben. Er ist nichts weiter als ein gemeiner Dieb.«

Septimus hatte jetzt genug von Talmars Unverschämtheiten. Ihm platzte der Kragen. »Wie kannst du es wagen, mich einen Dieb zu nennen? Und überhaupt, wozu sollte jemand so etwas stehlen? Diese Steine haben doch nur Leid gebracht. Ich will dir mal was sagen: Ich bin der letzte Questor – es war der letzte Stein in der Urne. Und ich will dir noch etwas sagen: Von all den anderen, die zu dieser Queste ausgezogen sind, ist keiner jemals zurückkehrt. Sie ist keine Auszeichnung – sie ist ein Fluch. Jeder Lehrling fürchtete sich deshalb vor dem letzten Tag. Und Tertius Fume ist ...«

»Tertius Fume?«, stieß Hotep-Ra hervor. »Ist dieser verlogene, hinterhältige, niederträchtige, schleimige Wurm etwa zurückgekehrt?«

»Ja, sein Geist«, antwortete Septimus.

»Sein Geist? Ha! Wenigstens weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Aber welch eine Frechheit – ich habe ihn verbannt und er kehrt heimlich zurück, kaum dass ich fort bin. Wann war das?«

»Vor langer Zeit. Er ist sehr alt.«

»Wie alt? «

»Ich ... ich weiß es nicht. Er gehört zu den Ältesten in der Burg.«

»Zu den Ältesten ...« Hotep-Ra verstummte. Weder Talmar noch Septimus wagte etwas zu sagen. Mehrere Minuten verstrichen. Schließlich sagte der ehemalige Außergewöhnliche Zauberer ganz ruhig, als sei er auf das Schlimmste gefasst: »Sag mir, Lehrling, wie viele Außergewöhnliche Zauberer hat es gegeben, seit Talmar und ich die Burg verlassen haben?«

»Siebenhundertsechsundsiebzig«, antwortete Septimus.

»Du scherzt!«, rief Hotep-Ra.

»Nein. Das war das Erste, was ich als Lehrling lernen musste. Meine Außergewöhnliche Zauberin ließ mich alle Namen aufschreiben und an die Wand hängen. Außerdem habe ich sie erst letzte Woche alle gezählt.«

Hotep-Ra schluckte schwer. »Ich dachte, es seien höchstens fünf oder sechs gewesen«, sagte er leise. »Die Dinge sind nicht so, wie sie sein sollten.«

»Wie ... wie sollten sie denn sein?«, fragte Septimus.

Hotep-Ra seufzte. »Iss, mein lieber Drachenmeister«, sagte er. »Erzähle mir von deiner Queste, und ich werde dir von meiner erzählen.«

Und so saß Septimus unter der mondbeschienenen Glaskuppel und erzählte Hotep-Ra, wie er ins Foryxhaus gekommen war. Und danach aß er hungrig von den Platten mit süß duftenden Früchten, herzhaftem Fleisch und pikantem Fisch, trank Pfefferminztee und lauschte der leisen, melodischen und brüchigen Stimme des allerersten Außergewöhnlichen Zauberers, den die Burg gehabt hatte.

»Als ich ein junger Mann war«, erzählte Hotep-Ra, »und auch ich war einmal ein junger Mann, war es verboten, sich mit der Zeit zu beschäftigen. Aber wie viele junge Männer hielt ich mich nicht immer an die Gesetze. Und als ich das Geheimnis entdeckte, wie man die Zeit außer Kraft setzen kann, da begriff ich, dass ich einen Ort finden musste, an dem ich mein Geheimnis behüten und meine Entdeckung anwenden konnte. Ich reiste weit, bis ich durch einen schönen Wald kam, in dessen Mitte ein Abgrund war. Mitten aus diesem Abgrund ragte ein hoher Fels empor, und als ich ihn sah, da wusste ich, dass ich den idealen Platz gefunden hatte, um mein geheimes Haus der Zeit zu bauen.

Und so machte ich mich an die Arbeit. Zuerst ließ ich eine Brücke bauen – es ist doch eine schöne Brücke, nicht wahr?«

Septimus nickte. Hotep-Ra hatte recht: Die Brücke war schön.

Hotep-Ra schmunzelte. »Schön, aber Furcht einflößend. Nun ist es aber so, dass die besonders begabten Zauberer häufig unter Höhenangst leiden. Und ich muss gestehen, dass ich meine Berufskollegen von meinem Haus der Zeit fernzuhalten wünschte – ich wollte nicht gestört werden und Machenschaften gegen mich vorbeugen. Wahres Talent hat viele Neider, Lehrling, gerade auch unter Zauberern. Sie schrecken nicht davor zurück, Pläne der Begabteren zu hintertreiben. Denk immer daran. Und so lockte ich, um doppelt sicher zu gehen, dass man mich in Ruhe ließ, die Foryx herbei, die heute viele für Fabeltiere halten, weil sie nirgendwo mehr zu sehen sind – außer hier. Ich wirkte einen Zauber, der sie zwingt, immerfort um den Abgrund herumzulaufen und so mein Haus der Zeit zu schützen. Bald bemerkte ich, dass Neuankömmlinge den Ort Foryxhaus nannten, und das war mir lieb, denn der Name ließ nicht erahnen, dass sich an diesem Ort alle Zeiten begegnen.

Als ich alt wurde, verließ ich die Burg, die liebe Königin und mein armes Drachenboot und zog in mein Foryxhaus. Heute bedauere ich, dass ich nicht früher hergekommen bin, als ich noch kräftiger war, doch ich wollte sehen, wie mein Drachenboot wieder instandgesetzt wurde. Lass niemals ein Boot von Leuten aus Port reparieren, Lehrling – das sind Faulpelze und Diebe. Als ich mich zum Foryxhaus aufmachte, war mir bewusst, dass mir die Burg fehlen würde, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich jederzeit erfahren würde, was dort vorging, denn ich hatte ja die Queste ins Leben gerufen. Die Queste sollte eine große Belohnung sein. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, nur die begabtesten Lehrlinge zur Queste zuzulassen, aber dann erkannte ich, dass dies ungerecht wäre, und so ersann ich eine Lotterie. Ich füllte eine große Urne mit Hunderten von Lapislazulisteinen, von denen einundzwanzig mit einem goldenen Q markiert waren. So hatte jeder Lehrling beim Ziehen eine redliche Chance. Ich dachte, es wäre ein schöner Abschluss nach sieben Jahren fleißigen Lernens, dazu auserwählt zu werden, auf die Queste zu gehen – und den Gründer des Zaubererturms zu besuchen, ihm Nachrichten aus der Burg zu bringen und reicher an Wissen und Erfahrung zurückzukehren. Um die Sicherheit zu gewährleisten, denn ich wollte niemandes Leben gefährden, erschuf ich ein Zauberschiff, das den auserwählten Lehrling wohlbehalten übers Meer und den großen Fluss herauf bis an den Rand des schönen Waldes bringen sollte. Zudem erschuf ich sieben Questenwächter. Sie sollten ihn auf der Reise begleiten und an den Foryx vorbei und über die Brücke führen. Aber ihre wichtigste Aufgabe war natürlich, vor meinem Haus zu warten, damit der Questor in seine Zeit zurückkehren konnte. Außerdem trug ich dafür Sorge, dass der Stein sie sicher hierherführen konnte, falls die Wächter einmal versagten. So lautete mein Plan. Doch wie es scheint, kam es anders.«

»Ja«, sagte Septimus traurig.

»Vor dir gab es zwanzig Questoren, sagst du?«, fragte Hotep-Ra.

Septimus nickte.

»Und alle sind zugrunde gegangen?«

»Nun ja, jedenfalls kam keiner zurück. Und das wären sie ja wohl, wenn sie gekonnt hätten, nicht wahr?«

Hotep-Ra nickte langsam und dachte nach. »Dahinter steckt Fume«, sagte er. »Er hat die Queste mit seiner Schwarzkunst verdunkelt. Alles, wovon du mir berichtet hast – der eisstarre Wald, die Stille, der abscheuliche Nebel, das Gejammer, die mordgierigen Questenwächter – schau nicht so entsetzt, Lehrling, wie sonst hätte er gewährleisten können, dass keiner zu mir gelangt? Jawohl, er steckt dahinter. Ich weiß es.«

Septimus wusste es auch.

»Er war mein bester Freund«, sagte Hotep-Ra traurig. »Einst habe ich ihm vollkommen vertraut. Ich habe ihn geliebt wie einen Bruder. Doch eines Tages, als ich in den Marschen war, um nach meinem geliebten Drachenboot zu sehen, übernahm er die Macht im Turm und schickte seine Wächter aus, um mich zu töten.« Hotep-Ra schüttelte ungläubig den Kopf. »Er hatte es seit Jahren geplant – und mir die ganze Zeit Freundschaft vorgegaukelt. Stell dir vor, wie du dich fühlen würdest, Lehrling, wenn dein bester Freund dir so etwas antäte.«

Septimus nickte mitfühlend. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Beetle so etwas tun würde.

»Tertius hatte den Turm nur sieben Tage in seiner Gewalt, aber wir brauchten sieben Jahre, um den Schaden zu reparieren, den er mit seiner Schwarzkunst angerichtet hatte. Natürlich habe ich ihn verbannt.« Hotep-Ra seufzte. »Und ich muss gestehen, dass ich ihn vermisste, auch nachdem er mich verraten hatte. Als er ging, drohte er mir. Das werde mir noch leidtun. Ich solle mir bloß nicht einbilden, ich sei nun für immer der Herr über den Turm. Er werde wiederkommen. Ich weiß noch, wie ich zu ihm sagte, er könne nichts tun, was mich noch trauriger machen könne, als ich ohnehin schon sei. Aber heute glaube ich, dass ich mich geirrt habe, denn zwanzig junge Menschen haben ihr Leben verloren, und ich war ahnungslos. Und dazu all die Jahre der Einsamkeit, des Wartens ...« Hotep-Ras traurige Stimme verlor sich in der Nacht.

Während Talmar Teppiche und Decken gegen die nächtliche Kühle brachte, saß Septimus still da und betrachtete den Questenstein, der im Licht des Vollmonds, der durch die Glaskuppel schien, dunkelblau schillerte. Er hatte es geschafft, sagte er sich verwundert. Er hatte die Queste zu Ende gebracht. Doch dann überkam ihn ein Gefühl der Traurigkeit – zwanzig andere hatten es nicht geschafft. Er dachte daran, was ihnen verwehrt geblieben war. Nicht nur ein längeres Leben, sondern auch ein magisches nächtliches Gespräch mit dem allerersten Außergewöhnlichen Zauberer. Er erschauerte. Er roch die Magie in der Luft, und zum ersten Mal, seit er begonnen hatte, die Werke Marcellus Pyes zu lesen, fühlte er sich zufrieden. Das war gut. Und Marcia – Marcia würde stolz auf ihn sein. Falls er sie jemals wiedersah.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Septimus in aller Frühe von Hotep-Ra und verließ mit einem leichten Schwindelgefühl den achteckigen Raum. Der Zwilling zu Marcias Tür schloss sich sanft hinter ihm. In der Hand eine Kerze, die ihm eine nur geringfügig freundlichere Talmar Ray Bell gegeben hatte, ging er den steilen, schmalen Marmorgang hinunter und gelangte auf die Galerie mit der Balustrade.

Er wusste, dass es Morgen war – durch die Glaskuppel hatte er die Sonne aufgehen sehen –, aber im Innern des fensterlosen Foryxhauses war das nicht festzustellen. Müde setzte er sich auf eine Bank – weit weg von der Hüterin mit dem Pferdegesicht, die immer noch dasaß und wartete – und wartete wie sie. Irgendwann, so hatte Hotep-Ra ihm geraten, würde jeder Bewohner des Foryxhauses auf der Galerie vorbeikommen, man müsse nur lange genug warten. Und Septimus war bereit, so lange zu warten, bis Jenna und Beetle vorbeikamen, wie lange es auch dauern mochte. Doch die warme, stickige Luft und die schlaflose Nacht blieben nicht ohne Folgen, und so lag er bald ausgestreckt auf der Bank und war eingeschlafen.

Er träumte die merkwürdigsten Sachen: Hotep-Ra und Tertius Fume tanzten die Zaubererallee hinunter, Marcia flog mit Feuerspei durch ein Gewitter, Talmar spielte Karten mit einem Krokodil, und Nicko schüttelte ihn und rief: »Aufwachen, du faules Ei!«

Das Schütteln dauerte länger als der Traum, und als Septimus träge ein Auge öffnete, sah er vor sich – Nicko. Im Bruchteil einer Sekunde war er hellwach. »Nicko!« Er schlang die Arme um seinen Bruder. »He, du bist ja echt.«

»Und du auch.« Nicko lachte.

»Sep ... oh, Sep, du bist entkommen!«, rief Jenna glücklich.

»Nun ja, ganz so war es nicht, aber ...«

Die Frau mit dem Pferdegesicht drängte sich zwischen sie und legte Jenna eine schwere Hand auf die Schulter.

»Wenn ihr mit eurer rührenden Wiedersehensfeier fertig seid, hätte ich gern den Schlüssel. Sofort, wenn ich bitten darf.«

Beetle sprang vor und zog ihre Hand weg. »Lassen Sie sie in Ruhe.«

Doch ohne Panther ließ sich die Hüterin nicht einschüchtern. Sie packte Jenna am Arm. Jenna schrie vor Schmerz. »Gib mir den Schlüssel. Wenn ich ihn mir mit Gewalt nehmen muss, werde ich ihn dazu benutzen, dich einzusperren. Für alle Zeiten.«

Nicko konnte die Hüterin nicht ausstehen. Sie hatte Snorri einmal als Hexe beschimpft und in einem anderen Turm versteckt. Wie lange, wusste er nicht. Tage, Wochen, Jahrhunderte – er hatte keine Ahnung. Nun war der Zeitpunkt da, es ihr heimzuzahlen. Mit mehr Kraft, als nötig gewesen wäre, packte er die Hüterin am Handgelenk und riss mit einem Ruck ihren Arm weg. Ein lauter Schrei ertönte, und die Hüterin hielt sich das Handgelenk. Ihre Hand hing schlaf herab.

»Nicko!«, stieß Jenna hervor. »Du hast ihr den Arm gebrochen.«

»Eine verzweifelte Lage erfordert verzweifelte Mittel«, sagte Nicko und rannte zur Treppe, die in die Halle hinunterführte. »Nichts wie raus hier. Wer wartet draußen? Ich wette, es ist Sam, stimmt’s?«

Jenna rannte hinterher und schloss zu ihm auf. »Nein.«

»Oder Dad. Es muss Dad sein. Ich kann es nicht erwarten, ihn wiederzusehen. Und Mum.«

Jenna hielt es nicht mehr aus. »Nein! Oh, Nicko, ich habe es dir noch nicht gesagt. Da draußen ist niemand.«

Nicko blieb abrupt stehen. »Niemand?«

»Nein.«

Beetle blickte zu Boden. Er wünschte sich, er könnte für immer vom Erdboden verschwinden – bis ihm klar wurde, dass er im Begriff war, genau dies zu tun. Er fühlte sich schrecklich.

»Dann sind wir alle hier gefangen«, rief Nicko wütend. »Wie Snorri und ich. Wir kommen nie nach Hause. Niemals.«

»Nicht unbedingt«, sagte Septimus. »Ich habe da eine Idee.«

Septimus Heap 04 - Queste
titlepage.xhtml
Septimus Heap 04 Queste 01_split_000.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_001.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_002.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_003.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_004.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_005.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_006.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_007.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_008.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_009.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_010.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_011.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_012.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_013.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_014.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_015.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_016.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_017.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_018.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_019.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_020.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_021.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_022.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_023.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_024.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_025.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_026.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_027.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_028.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_029.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_030.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_031.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_032.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_033.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_034.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_035.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_036.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_037.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_038.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_039.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_040.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_041.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_042.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_043.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_044.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_045.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_046.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_047.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_048.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_049.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_050.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_051.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_052.html
Septimus Heap 04 Queste 01_split_053.html